Januar 28, 2010

Howard Zinn ist tot


Hierzulande gilt es ihn noch zu entdecken, in den USA ist Howard Zinn seit langem ein Bestseller-Autor. Bekannt gemacht hat ihn seine People’s History of the United States. Dort erzählt er die Geschichte Nordamerikas von Kolumbus bis Clinton aus Sicht der Beherrschten. Er erinnert an die Kämpfe von Indigenen und Sklaven, Gewerkschaftern oder Frauen. Hart geht er mit den Heroen der offiziellen Geschichtsschreibung ins Gericht; Kolumbus etwa zeigt er nicht als “Entdecker”, sondern als Völkermörder. Zunächst in einer Auflage von bloß 5000 Stück gedruckt, hat Zinns alternatives Geschichtsbuch die Millionen-Marke heute längst überschritten. Trotz der Ignoranz durch seine Kollegen aus der historischen Zunft, hat sich die People’s History als viel gelesenes Standardwerk an den Colleges durchsetzen können.

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Januar 22, 2010

10 Jahre Attac Deutschland

So ändern sich Zeiten und Überzeugungen. Eine Devisensteuer steht momentan hoch auf der politischen Agenda. Offen bleibt vorerst, welche Form sie annehmen könnte. Für eine Abgabe auf Börsenumsätze werben innerhalb der Bundesregierung die Unionsparteien. Die Regierungen der EU-Länder plädierten hingegen auf ihrem Brüsseler Gipfel im Dezember für eine Steuer auf Finanztransaktionen. Vor zehn Jahren kursierte ein ähnliches Modell unter dem Namen Tobin Tax – und galt als illusionäre Idee.

Prominentester Fürsprecher einer solchen Steuer ist in den Jahren ab 2000 das frisch gegründete deutsche Attac-Netzwerk. Es trägt eine solche Abgabe schon im Namen – Attac steht für „Association pour  une taxation des transactions financières pour l’aide aux citoyens“, also die „Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen zum Wohl der Bürger“. Für seine Kernforderung kassiert Attac schnell Kritik von allen Seiten.

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Dezember 4, 2009

Antonio Negri im Comic

Beim italienischen Verlag BeccoGiallo liegt ein biografischer Comic zu Antonio Negri vor. “E’ primavera. Intervista a Antonio Negri” heißt der Band, in dessen Zentrum vier Gespräche stehen, die der Zeichner Claudio Callia Ende 2007/ Anfang 2008 mit dem Philosophen geführt hat.

Für alle, die Italienisch lesen können, gibt es den Band unter einer Creative Commons-Lizenz zum freien Download auf Global Project.

Mehr zu Negri auf kosmopolitix:

Interview auf deutsch

Entretien en français

Rezension zu Goodbye Mr. Socialism

November 27, 2009

Der Kampf um die Commons

Eine neue Internationale haben die Globalisierungskritiker nicht gegründet, aber der Kultur der Linken demokratische Impulse gegeben

Die Demokratie ist bedroht, aber niemand will es wahrhaben, bemerkte der portugiesische Romancier José Saramago vor einigen Jahren bitter. Wir würden von der Demokratie sprechen „wie von etwas, was existiert und funktioniert“, als ob wir einer unausgesprochenen Konvention genügen wollten. Dabei sei uns „nichts von ihr geblieben als ein Arsenal ritualisierter Prozeduren, harmlose Wortgefechte und Gesten wie in einer Art weltlichem Gottesdienst“.

Unsere demokratischen Möglichkeiten beginnen und enden an der Wahlurne. In ökonomischen Fragen besitzen wir kein Mitspracherecht, und unsere gewählten Regierungen verhalten sich zunehmend, als seien sie „Politkommissare“ der Wirtschaft. Unser aller Selbstbetrug, so Saramago weiter, bestehe darin, diese Gefährdung der Demokratie nicht sehen zu wollen.

Nicht zufällig wandte sich der Schriftsteller damit an eine Versammlung von Globalisierungskritikern in Paris. Das Anliegen dieser Bewegung ist seit ihrem ersten Auftritt in Seattle am 30. November vor zehn Jahren ein urdemokratisches: Sie fordert, dass in Angelegenheiten von allgemeinem Interesse tatsächlich die Allgemeinheit entscheiden soll.

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Weiteres zu den Commons bei kosmopolitix findet sich hier.

Empfehlenswert zum Thema  auch das CommonsBlog. Dort findet sich nicht zuletzt ein Beitrag von Elinor Ostrom.

November 10, 2009

Geregelte Kommunikation


Die britischen Konservativen scheinen sich um die Medientauglichkeit ihrer europäischen Alliierten zu sorgen. Presseberater sollen die rechten Sorgenkinder aus Osteuropa abschirmen und so das Schlimmste verhindern, schreibt die Sunday Times.

Nach außen betonen die Tories gern, ihre rechten Partner im Europaparlament seien achtbare Vertreter des konservativen Mainstreams. Die Kritik am dubiosen Geschichtsbild oder an der mehr als nur latenten Homophobie einiger dieser Parteien entspringe einer linken „Schmierenkampagne“.

Restlos überzeugt scheinen sie davon nicht zu sein. Nach Angaben der konservativen Sunday Times haben die Tories ihren Alliierten Presseberater an die Seite gestellt, die das öffentliche Auftreten insbesondere der osteuropäischen Verbündeten komplett kontrollieren sollen.

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November 10, 2009

Konservative Steigbügelhalter

Rechte Allianzen im Europaparlament

Einen deutlichen Rechtsschwenk in zahlreichen EU-Staaten brachten die Europawahlen im Juni. Rechtsextreme und Rechtspopulisten konnten vielerorts zweistellige Ergebnisse einfahren. Seitdem sind im Straßburger Parlament drei neue Bündnisse entstanden, die teilweise bis in den konservativen Mainstream reichen.

Sie stellt nur 54 der 736 Abgeordneten. Sie bildet bloß die fünftgrößte Fraktion im neu gewählten Europaparlament. Und doch sorgt die Gruppe der „Europäischen Konservativen und Reformer“ (ECR) hartnäckig für Aufsehen. Sorgenfalten bereitete die rechte Allianz zunächst der EU-Ratspräsidentschaft und den europäischen Regierungschefs mit einer Kampagne gegen den Lissabon-Vertrag. Wenig später zeigte sich das US-Außenministerium irritiert über die Fraktion. Tatsächlich ist die ECR eine schillernde Gruppe. Sie verbindet moderne Konservative wie die britischen Tories, harte Rechtskonservative wie die polnische PiS der Kaczyński-Zwillinge und Splitterparteien vom rechten Rand.

Entstanden auf Initiative der Tories und der tschechischen ODS von Präsident Václav Klaus, will die ECR hauptsächlich EU-Kritik leisten. Die „souveräne Integrität“ des Nationalstaates solle gegenüber Brüssel bewahrt werden, heißt es in der „Prager Erklärung“,  in der die Fraktion ihren politischen Minimalkonsens formuliert hat. Ökonomisch liegt sie ganz auf der Linie der Thatcher-Erben. Leitlinien bilden „freies Unternehmertum“ und „freier Wettbewerb“, dazu werden Steuersenkungen gefordert und die Idee des „small government“ propagiert. Zugleich gibt sich die ECR wertkonservativ, betont die Bedeutung der Familie und fordert, Immigration müsse „effektiv kontrolliert“ und ein angeblicher „Missbrauch der Asylverfahren“ beendet werden.

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Oktober 19, 2009

Die europäische Rechte macht mobil


Erlebt Europa den erneuten Aufstieg des Nationalismus? Oder hat sich bei den Europawahlen Anfang Juni eine Reihe von nationalen Denkzetteln zu einem europäischen Ergebnis summiert? Wie auch immer man darauf antwortet, fest steht, dass rechte Parteien teils dramatisch zugelegt haben. Sie profitieren von innenpolitischen Krisen wie in Großbritannien oder Ungarn und segeln vor dem Wind des Euroskeptizismus. In den Niederlanden etwa nähren sich die Rechtspopulisten um Geert Wilders von der Debatte um die Zukunft der multikulturellen Gesellschaft. Aber sie bedienen auch die gewachsene Unzufriedenheit mit der EU: Laut einer Studie der Universität von Amsterdam betrachten 60 Prozent der Niederländer die europäischen Institutionen als „Geldverschwendung“. Dementsprechend will Wilders das Europaparlament langfristig abschaffen, Bulgarien und Rumänien ausschließen, die Türkei gar nicht erst aufnehmen.

Neue rechtskonservative EP-Fraktion

Europamüde zeigt sich auch ein Teil der politischen Eliten. Ausdruck davon ist die rund zwei Wochen nach der Wahl gegründete „European Conservatives and Reformists Group“ (ECR). Sie lehnt den Vertrag von Lissabon ab und will als Fraktion im Europaparlament für eine Beschränkung der EU streiten. Treibende Kräfte hinter dem rechtskonservativen Bündnis sind die britische Conservative Party, die tschechische ODS um Präsident Václav Klaus und Ex-Premier Mirek Topolánek sowie die polnische PiS der Gebrüder Kaczyński.

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Oktober 17, 2009

Radikale Avantgarde


Es gibt neues von Nanni Balestrini. Der italienische Schriftsteller gilt im deutschsprachigen Raum noch weitgehend als Geheimtipp. Sein jetzt bei Suhrkamp erschienener Roman „Tristano“ dürfte daran leider wenig ändern. Tristano ist gesampelte Literatur. Balestrini hat schon in den sechziger Jahren lineare Erzählstrukturen aufbrechen wollen. Aber erst die heutige Computertechnik gestattet ihm, seinen ursprünglichen Text in Abschnitte zu zerlegen und nach dem Zufallsprinzip neu zusammenzufügen. Bei diesem Remixen des literarischen Stoffs ergeben sich mehrere Millionen möglicher Kombinationen. Daher ist jede Ausgabe von Tristano ein Unikat und wird fortlaufend nummeriert. Die ersten 5.999 Variationen sind auf Italienisch erschienen, weitere 1.999 folgen auf Deutsch, bevor die Reihe auf Englisch und Französisch fortgesetzt werden soll.

Bekannt ist Nanni Balestrini hierzulande vor allem als politischer Schriftsteller. Der ehemalige Feltrinelli-Lektor stand in den späten siebziger Jahren der Autonomia Operaia nahe, wurde zeitweilig polizeilich gesucht und fand wie viele seiner Genossen in Frankreich Asyl. Seine Roman-Trilogie „Die große Revolte“ erzählt von den Kämpfen der damaligen Zeit: bei Fiat, im Intellektuellen-Milieu, im Hochsicherheitsgefängnis. Balestrini fängt das Zeitgefühl – die Aufbruchsstimmung, die Wut, die Zweifel – faszinierend lebendig und dicht ein.

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Oktober 15, 2009

Begründete Zukunftsangst

Zwei aktuelle Studien zeigen, wie verbreitet Angst unter jungen Erwachsenen ist. Fast die Hälfte der 18 bis 24-jährigen Briten hat Geldsorgen, so eine Online-Erhebung des Umfrageinstituts YouGov im Auftrag der Hilfsorganisation Rethink. Jeweils ein Drittel sorgt sich um mangelnde Jobperspektiven oder leidet unter dem Druck im Bildungswesen. Der Studie zufolge erleben zwei Drittel der Befragten mindestens einmal pro Woche Stress oder Angst. Besonders betroffen sind junge Frauen: Eine von dreien leidet täglich unter Stress, gegenüber einem von zehn jungen Männern. Ein Drittel aller Befragten versucht, mit den Belastungen allein fertig zu werden. Rethink spricht von einem „anxiety overload“.

In Schweden wiederum fürchten sich neun von zehn Jugendlichen vor Arbeitslosigkeit, schreibt das Sydsvenska Dagbladet. Dem Blatt zufolge verspüren drei Mal so viele der 16 bis 24-Jährigen Angst und Unruhe wie noch vor 20 Jahren. Die Jugendarbeitslosigkeit in dem nordeuropäischen Land liegt bei 24,2 Prozent.

Auch weiter südlich ist dieses Phänomen bekannt. Prekarisierung, Arbeitslosigkeit und mangelnde Perspektiven selbst für Hochqualifizierte haben in Südeuropa als Neologismen längst Einzug in die Sprache gehalten. „Mileuristas“ werden die 20 bis 30-Jährigen in Spanien genannt, weil sie selten mehr als 1.000 Euro im Monat verdienen und damit kaum auf eigenen Beinen stehen können. Was die Krise für diese Altersgruppe bedeutet, bringt eine weitere Wortneuschöpfung zum Ausdruck: Generación Cero. Cero wie Null Chancen.

Mehr zur Prekarisierung europäischer Jugendlicher:

http://kosmopolitix.wordpress.com/2009/10/15/die-wut-einer-enttaeuschten-generation/

Oktober 15, 2009

Der melancholische Intellektuelle


Manuel Vázquez Montalbán zum 70.

Er ist Spaniens meistgelesener Gegenwartsautor. Seine Krimis um den Privatdetektiv Pepe Carvalho haben ihn berühmt gemacht. Zugleich ist Manuel Vázquez Montalbán als kritischer Intellektueller in Erscheinung getreten. Dieses Jahr wäre er 70 geworden.

„Um ein Land zu verstehen, muss man sein Brot essen und seinen Wein trinken“; dieses Marx-Zitat legt Manuel Vázquez Montalbán seinem Serienhelden Pepe Carvalho mehr als einmal in den Mund. Montalbán selbst hat ausgiebig von dem Wein und Brot seines Geburtslandes Spanien gekostet. Er zehrte von den kargen Mahlzeiten kurz nach dem Bürgerkrieg, aß die Kost des politischen Gefangenen im Franquismus und schwelgte in den Angeboten der Gourmetrestaurants im demokratisierten aber allzu vergesslichen Spanien seit 1975.

Manuel Vázquez Montalbán ist Spaniens meistgelesener Gegenwartsautor, zugleich ein scharfzüngiger politischer Essayist und literarischer Chronist der „transición“, des Übergangs vom Franquismus zur parlamentarischen Demokratie. Als Romancier wie als eingreifender Intellektueller passt er in keine nach Industrienorm gefertigte kulturelle Schublade.

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