Erinnert sich noch jemand an die Jahre, als Engagement hierzulande wenig galt? Wer Aktivisten damals als wohlbehütete Naivlinge abtat, brauchte keinen nennenswerten Widerspruch fürchten. Das scheint vorbei, seit Protestbewegungen in der arabischen Welt Diktatoren gestürzt, in Südeuropa Plätze besetzt und vor der Wall Street Zelte errichtet haben. Kürzlich hat das Time Magazine den Demonstranten zur Person des Jahres 2011 gekürt.

Viel wohlwollende Aufmerksamkeit erfährt auch die deutsche Occupy-Bewegung. Das mag überraschen: Bleibt sie nicht programmatisch sträflich vage? Werden ihre Demonstrationen nicht von Mal zu Mal kleiner? Auch am Sonntag kam der Protest zwar vielfältig und kreativ daher.

Aber der Andrang auf dem Berliner Boulevard Unter den Linden hielt sich deutlich in Grenzen. Dennoch bleibt zu erkunden, woher die Sympathien für diese Proteste rühren – und worin die Verdienste dieser Bewegung bestehen.

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Neu beim Tectum-Verlag: Abtritt der Avantgarde? Die Demokratisierung des Intellektuellen in der globalisierungskritischen Bewegung.

Aus dem Klappentext: Welche Rolle kann und soll der Intellektuelle heute spielen? Nach 1968 entwickeln kritische Denker ein neues Selbstverständnis. Französische Theoretiker verabschieden sich von Jean-Paul Sartres Konzept des engagierten Intellektuellen. Ihre Gegenentwürfe fallen höchst unterschiedlich aus: Michel Foucault plädiert für den engagierten Experten, Pierre Bourdieu für den eingreifenden Wissenschaftler, und Jean-François Lyotard schreibt dem Intellektuellen einen Nachruf. Gemeinsam ist ihnen eine Abkehr vom Avantgardismus. Das ist Ausdruck eines sozialen Wandels. Mit der Zunahme an Bildungstiteln hat sich der Abstand zwischen den Intellektuellen und der Gesellschaft verringert. Es fällt ihnen immer schwerer, eine herausgehobene Stellung zu beanspruchen.

Wie wenig Anklang ein politischer Avantgardismus der Intellektuellen noch findet, zeigt Steffen Vogel anhand der globalisierungskritischen Bewegung. Zu Wort kommen neben unverdrossenen Avantgardisten wie Ignacio Ramonet, Walden Bello und Samir Amin auch Intellektuelle mit einem demokratischeren Selbstverständnis, darunter Naomi Klein, Michael Hardt und Chico Whitaker. Der Autor präsentiert materialreich eine entscheidende Veränderung in Rolle und Selbstbild des kritischen Intellektuellen.

ISBN 978-3-8288-2828-5
126 Seiten, Paperback
Tectum Verlag 2012
24,90 €

Nach den Großdemonstrationen in Spanien, Israel und den USA regt sich seit Mitte Oktober auch in Deutschland der Protest. Die hiesige Occupy-Bewegung wendet sich gegen die Unterhöhlung der Demokratie und fordert mehr soziale Gerechtigkeit. So vage sie dabei bisher geblieben ist, hat sie doch einen sichtbaren Kontrapunkt zur scheinbaren Alternativlosigkeit der Krisenbewältigung setzen können. Es ist auch ihr Verdienst, dass Debatten über Gestalt und Zukunft des Kapitalismus zuletzt wieder mehr Gehör gefunden haben.

Zuvor war es weder Gewerkschaften und Parteien, noch bestehenden außerparlamentarischen Akteuren gelungen, in einer breiten Öffentlichkeit Diskussionen über den Kurs der Bundesregierung zu entfachen. Auch bei ihren Protestaktionen sprang der Funke nicht über. Das gilt für das von Attac initiierte Bankentribunal ebenso wie für die Bündnisdemonstrationen unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise“. Sie alle blieben Eintagsfliegen. Erst die Kundgebungen nach amerikanischem und spanischem Vorbild vermochten auch hierzulande so etwas wie eine Bewegungsdynamik in Gang zu setzen.

Dennoch fällt eine vorläufige Bilanz der Occupy-Proteste zwiespältig aus. Offen bleibt, ob ihnen die Anbindung an die Lebensrealität breiterer sozialer Schichten gelingt. Fraglich ist auch, ob sich ihre heutigen politischen Formen als tragfähig erweisen können. Davon aber dürfte abhängen, wie dauerhaft diese Bewegung letztlich sein wird.

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Gibt es die engagierten Geistesarbeiter noch? Und wenn ja, was zeichnet die Intellektuellen heute aus? Diesen und anderen Fragen ist Dietz Bering bereits 2010 in einem materialreichen und gut lesbaren Buch nachgegangen. In einem weiteren Band versammelt er jetzt zahlreiche relevante Wortmeldungen aus den Debatten um die Rolle der Intellektuellen. Den Anfang macht Emile Zolas „J’accuse!“ von 1898, ihm u.a. folgen Texte von Karl Mannheim, Max Frisch und Michel Foucault, aber auch von Kritikern und erklärten Feinden der Intellektuellen.

Unter den Beiträgen jüngeren Datums findet sich neben Texten von Jürgen Habermas und Barbara Vinken auch mein Essay „Vom Propheten zum Mitstreiter“.

Wie Intellektuelle die Occupy-Bewegung sehen

Eine gewisse Schadenfreude kann Paul Krugman nicht verbergen. Erst habe die Wall Street das Protestcamp der Occupy-Aktivisten im Zuccotti Park verächtlich abgetan, schreibt er in seiner New York Times-Kolumne. Nun, wo die Bewegung auf immer größere Resonanz stößt, setzt das „Gejammer“ ein. Doch die Börsianer hätten keinen Grund sich missverstanden zu fühlen, meint der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2008. Schließlich habe die Wall Street in hohem Maß zur ökonomischen Polarisierung und wachsenden Ungleichheit in den USA beigetragen. Trotzdem wähnte sich die Finanzindustrie unangreifbar und reagiert nun umso geschockter auf die öffentliche Empörung, so der keynesianische Ökonom: „Bis vor ein paar Wochen schien es, als habe die Wall Street unser politisches System derart wirksam bestochen und eingeschüchtert, dass es vergaß, wie dort üppige Gehaltsschecks ausgestellt und gleichzeitig die Weltwirtschaft zerstört wurde.“

Ähnlich wie Krugman haben viele Intellektuelle erfreut bis enthusiastisch auf die neue globale Protestbewegung reagiert. Es scheint, als ob die engagierten Künstler und Theoretiker nur auf diesen Moment gewartet hätten, um nun mit Statements, Unterstützungserklärungen und Essays hervorzutreten. Binnen kurzer Zeit haben auf OccupyWriters.com gut 1.200 Autoren ihre Solidarität bekundet, darunter Salman Rushdie, Margaret Atwood und Jonathan Lethem. Ebenso zu den Unterzeichnern gehören Adam Haslett, der mit Union Atlantic einen der ersten Romane zur Krise geschrieben hat, der Fantasy-Kult-Autor Neil Gaiman und die Comiczeichnerin Alison Bechdel.

Alice Walker hat für die Website ein Gedicht beigesteuert, mit dem sie auf die Festnahme des Theologen Cornel West bei einer Occupy-Aktion in Washington reagiert. Der Princeton-Professor hatte schon im August in einem wütenden Kommentar für die New York Times beklagt, in den USA herrsche seit 30 Jahren ein „einseitiger Krieg gegen Arme und arbeitende Menschen im Namen einer moralisch bankrotten Politik von Marktderegulierung, Steuersenkungen und Haushaltskürzungen zu Lasten jener, die bereits sozial vernachlässigt und wirtschaftlich aufgegeben worden sind.“ West fügte hinzu: „Unsere zwei größten Parteien … haben lediglich alternative Versionen oligarchischer Herrschaft zu bieten.“

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Politik sei die Fähigkeit jedes Beliebigen, sich um die gemeinsamen Angelegenheiten zu kümmern, schreibt Jacques Rancière. Und tatsächlich denkt der französische Philosoph nicht an Regierung und Parlament, wenn er von Politik spricht. Sein Interesse gilt dem Dissens, der die institutionellen Routinen und Machtkämpfe unterbricht und damit einen offenen Raum schafft. In einem solchen „politischen Moment“ scheint ein anderer Lauf der Dinge möglich. Dabei versteht Rancière unter Momenten nicht bloß kurze Augenblicke geglückter Emanzipation. Er verwendet den Begriff auch im Sinne des Momentums, als Meilenstein, hinter den man nicht so schnell zurückkann.

Die Ereignisse von 1968 markieren für Rancière einen solchen Moment. In den damaligen Revolten wurde bestritten, dass Politik sich im Handeln klar begrenzter Gruppen erschöpft: Sie kann überall sein und muss nicht von vermeintlichen Experten betrieben werden. Auch habe der Mai 68 gezeigt, dass Herrschaft nicht gerechtfertigt werden kann. Gegen diesen anarchischen Geist ziehen heute nicht nur Papst Benedikt und Nicolas Sarkozy zu Felde; seit über 30 Jahren sei eine „intellektuelle Gegenrevolution“ im Gange, schreibt der Pariser Theoretiker.

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Jacques Rancière kritisiert den Paternalismus linker Theoretiker

Die Armen stehen im Zentrum vieler Texte der politischen Philosophie. Manche Theoretiker sehen in ihnen eine gefährliche Masse, die auch in ihrem eigenen Interesse unterworfen werden muss. Andere adeln die Unterklassen zum Träger emanzipatorischer Hoffnungen. Aber wie halten es gerade diese Autoren wirklich mit denen, die sie beschwören?

Die linken Theoretiker pflegen ein mehr als widersprüchliches Verhältnis zum potenziellen Subjekt der Veränderung, sagt der französische Philosoph Jacques Rancière. Sie wissen, dass die Armen die Geschichte machen werden – und entmündigen sie doch. Ihre Werke durchzieht der Versuch, für sich selbst eine Stellung über den Massen zu begründen: „Die Ordnung des Diskurses definierte sich, indem der Kreis gezogen wurde, der diejenigen vom Recht zu denken ausschloss, die von der Arbeit ihrer Hände lebten.“ Dieses Manöver will Rancière in seinem jüngst erstmals in deutscher Übersetzung erschienenen Buch Der Philosoph und seine Armen nicht zuletzt im Denken von Marx, Sartre und Bourdieu nachweisen.

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Ein kritisches Lexikon zum Rassismus in der Sprache

Über Rassismus werde in Deutschland nicht gern gesprochen, sagt Susan Arndt. Oft gelte er als Markenzeichen von Neonazis, mit dem die aufgeklärte Mehrheit nichts zu schaffen habe. Das ist ein populärer Trugschluss, so die Bayreuther Literaturwissenschaftlerin: „Eines der Privilegien, die Weiße genießen, ist, nicht über Rassismus nachdenken zu müssen.“ Begünstigt wird dies hierzulande durch die mangelnde Aufarbeitung des kolonialen Erbes. Ohne Wissen über ihn lässt sich der Rassismus aber nicht zurückdrängen. Das fängt bei der Sprache an, in der alltäglich – offen oder subtil – Hierarchien festgeschrieben werden.

Dem will Arndt mit einem kritischen Lexikon entgegentreten, das sie gemeinsam mit Nadja Ofuatey-Alazard herausgegeben hat. Ihr Nachschlagewerk „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“ richte sich vor allem an weiße Deutsche, betont Arndt bei der Vorstellung des Bandes in der Berliner Werkstatt der Kulturen. Deniz Utlu, einer der 68 Autoren, sieht in dem Kompendium eine Hilfestellung für Multiplikatoren. Er sei bei der Pressearbeit für eine NGO selbst über Begriffe gestolpert, die scheinbar harmlos sind, tatsächlich aber diskriminierend wirken. Ein „Migrationshintergrund“ etwa werde nur bei bestimmten Personengruppen erwähnt, nicht aber „bei einem weißen Franzosen“.

Damit verweist Utlu auf eine Stärke des Bandes: Die Verfasser aus dem Umfeld von Akademie, Kunst und Aktivismus beschränken sich nicht auf die Analyse offenkundig rassistischer Schmähungen. Sie überprüfen auf fast 800 Seiten auch als neutral geltende Wörter wie „indigen“ auf ihren ausgrenzenden Gehalt. Dabei setzen sie auf Formvielfalt und stellen etwa einen satirischen Text neben den streng wissenschaftlichen Lexikoneintrag.

Geht es ihnen also um die viel gescholtene Political Correctness? Während Utlu das verneint, springt Esther Dischereit für das Konzept in die Bresche. Es verändere den Boden des Sagbaren, resümiert die jüdisch-deutsche Schriftstellerin ihre Erfahrungen mit Besuchen in den USA: „Man kann den öffentlichen Raum nicht so ohne weiteres sprachlich vollmüllen“. Dischereit plädiert vorsichtig für einen Schulterschluss verschiedener vom Rassismus betroffener Gruppen. Ihre Erfahrungen gleichen sich oft, argumentiert sie mit Blick auf das Schweizer Minarett-Referendum und erinnert an ähnliche Anfeindungen in der Vergangenheit gegen den Bau von Synagogen in Deutschland.

Hat sich unterdessen im medialen Umgang mit Rassismus etwas verändert? „Ich würde jetzt gern etwas Positives sagen…“, antwortet Noah Sow und lacht. Die Autorin von „Deutschland Schwarz Weiß“, die zahlreiche Texte zum Lexikon beigesteuert hat, beobachtet einen Verlauf „in Form von Sinuskurven“. Auf das Erreichte folge zuverlässig ein Backlash. Da bliebe nur: Weiter machen.

Erschienen in der taz vom 27.06.11

Nicht nur in Arabien, auch in Griechenland gehen tausende Jugendliche auf die Straßen. Aus gutem Grund: Ein schweres Erbe der globalen Wirtschaftskrise könnte eine „verlorene Generation“ ohne Anbindung an den Arbeitsmarkt sein, warnte die Internationale Arbeitsorganisation bereits im vergangenen Jahr. Während junge Menschen unter 25 Jahren weltweit schon vor der Krise drei Mal so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen waren wie der Durchschnitt der Bevölkerung, sind die Zahlen seitdem geradezu explodiert. Allein zwischen 2007 und 2009 nahm die Anzahl der erwerbslosen Jugendlichen global um fast acht Millionen Menschen zu.

Europa macht da keine Ausnahme: Nach aktuellen Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat ist jeder fünfte Jugendliche in der EU arbeitslos. In der Gesamtbevölkerung gilt dies immerhin noch für jeden Zehnten. Hinzu kommt, dass junge Menschen erheblich häufiger zu den working poor, den arbeitenden Armen, gehören als Erwachsene.

Neben den jungen Menschen in Osteuropa sind ihre Altersgenossen in den sogenannten PIIGS-Staaten besonders hart betroffen: Spanien hält derzeit den unrühmlichen europäischen Rekord mit einer offiziellen Jugendarbeitslosigkeit von gut 43 Prozent; Griechenland verzeichnet über 33 Prozent, Irland und Italien jeweils um die 29 und Portugal über 21 Prozent. In all diesen Ländern waren prekäre Lebensverhältnisse schon vor der Krise für viele junge Menschen zum tristen Normalzustand geworden. Doch der Kollaps ganzer Branchen und die massiven Bankenrettungs- und Sparpakete der jeweiligen Regierungen haben diese Tendenz noch einmal verschärft.

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Bei den Éditions Amsterdam ist soeben ein umfangreicher Sammelband erschienen, der einen guten Überblick über aktuelle kritische Theorieströmungen liefert. Penser à gauche widmet sich der Politischen Ökologie, bietet neo-marxistische Kapitalismuskritik und postkoloniale Perspektiven. Dazu versammelt der Band u.a. Beiträge von Jacques Rancière, Étienne Balibar, Nancy Fraser, Antonio Negri, Giorgio Agamben, Chantal Mouffe, Slavoj Žižek, Daniel Bensaïd, Stuart Hall, Luc Boltanski und Maurizio Lazzarato. Nicht zuletzt findet sich dort eine französische Übersetzung meines Interviews mit Michael Hardt.